
Xining, 20. September 2004
Am 16. September kamen wir morgens ziemlich verspätet los: Der Toyota musste nochmals zum „Nachbessern“ in die Werkstatt und über den ADAC versuchten wir, Bremsbelege nach Xian geschickt zu bekommen: Ob das funktioniert, werden wir sehen. Von der Fahrt bis Korla ist außer von großen, weiten und sehr trockenen Landschaften und guten, z.T. vierspurigen Strassen nicht viel zu berichten. Das Hotel war gut, weniger das Essen im Muslim Restaurant dort.
Der 17. begann wie ein 13.: Blattfeder vorne links am Toyota gebrochen. Führer Lee wird nach dieser Reise Spezialist für Autowerkstätten sein, zum Glück gab’s schnell den notwendigen Ersatz und gegen Mittag folgten wir, nach einem kurzen Wüstenintermezzo, schließlich dem Lauf des Tarims gegen Süden. Lila blühende Tamarisken, Ulmen-, Pappel- und Weidenalleen begleiteten uns fast die ganze Strecke. Es fällt schwer, sich heute Sven Hedin im Boot den Tarim hinunter vorzustellen. Heute hätte er, statt sich durchs Schilf hauen zu lassen, bequem vom Boot aus Baumwolle pflücken können und hätte sich nicht in Nebenarmen, sondern in den vielen Bewässerungskanälen verirrt. Unser Ziel war die Oase Lager 36, die man Ende der sechziger Jahre gleich neben dem alten Miran, südlichem Knotenpunkt der Seidenstrasse, angelegt hat.
Lager 36: Das war nach Auskunft unseres Führers Lee eine sehr bekannte Adresse zu Zeiten der Kulturrevolution, als die Geistig-Schaffenden aus den städtischen Zentren zum Lernen in das hinterste Hinterland geschickt wurden. Akademikerschweiß wird hier reichlich geflossen sein und dieses Nicht-Bauern und Nicht-Werktätigen Erbe zeigt sich noch heute in einer zwar verwahrlost-rauchigen, aber sehr gut funktionierenden Internet Bar (ohne Getränke ein Überbleibsel aus den harten Zeiten!).
(GA)
Schon früh am Morgen des 18. stiegen wir aus den Federn. Oder sollte man eher sagen „von den Brettern“, denn die chinesischen Betten sind hart, aber trotzdem sehr bequem. Ein grauer Morgen mit vielen (Regen??-) Wolken, kaum das rechte Taklamakan-Wetter. Wir besuchten die Ruinen von Miran, einer 2000 Jahre alten Stadt aus der Han-Dynastie. Hier erhielten wir auch die Bestätigung, dass die Chinesen sich wirklich mit dem „R“ schwer tun, denn die Aussprache „Milan“ von Miran hat sich derart eingebürgert, dass es auch so auf den Karten vermerkt ist...
Wenn man die Beschreibungen der europäischen Forschungsreisenden kennt, wirken die Ruinen sehr ernüchternd. Nichts mehr ist da von bemaltem Stuck auf den Pagoden, geschweige denn von farbigen Ziegeln oder gar Malereien. Die spärlichen Reste bröseln ohne jeden Schutz vor sich hin. Die Chinesen wollen eine Strasse durch das historische Stadtgebiet bauen... Trotzdem ist man noch immer beeindruckt von den Überbleibseln: Pagoden, Häuser und eine große befestigte Anlage. Alles wurde aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln gebaut. Zwischen jede Schicht Lehmziegel ist Reisig und Stroh gefügt. Der Verputz der Gebäude bestand aus einem Gemisch von Lehm und Stroh. An einer Pagode entdeckten wir sogar noch Reste eines weißen Anstriches mit chinesischen Schriftzeichen. Etliche Fundstücke wie Scherben, Perlen, Eisenbeschläge und Knochen zeugen von der längst vergangenen Lebhaftigkeit dieses Ortes. Heute liegt Miran vollständig in der Wüste und wird langsam vom Sand zugeweht. Baumstümpfe im Boden zeigen, dass es vor 2000 Jahren eine grüne Gartenstadt war. Nicht weit von Miran liegen eine Reihe von Eisenverhüttungsöfen aus der Tang-Zeit.
Nach der Besichtigung gab’s Frühstück und dann machten wir uns in Richtung Südosten auf die Socken, oder vielmehr auf die Reifen. Das Etappenziel war das 270 km entfernte Huatougu am Westrand des Tsaidam Beckens. Zwischen uns und unserem Ziel stand ein 3600m hoher Pass und eine Hochfläche. Die Anfahrt an den Pass führte durch ein canyonartiges Flusstal, in dem herrliche Kies-Sand Wechsellagerungen von längst gewesenen Hochwassern zu bestaunen waren (als Geographen verstehen wir es, wenn für Nicht-Fachleute das Wort „herrlich“ hier nichts zu suchen hat...). Auf einer Kiesstrasse mit etlichen Windungen erreichten wir die Passhöhe. Auch hinunter ging alles reibungslos. Bei der Anfahrt auf die Hochfläche dann ein Pfffff und der rechte Hinterreifen entledigte sich seiner Luft. Gerd & Co, die im Nissan vor uns fuhren, wendeten und kamen zurück. Als sie sich hinter uns stellten dasselbe Szenario beim Nissan... nun waren gleich 2 Reifenwechsel angesagt.
Ungehindert kamen wir über die Hochfläche. Bald sollte die Strasse wieder asphaltiert sein als das nächste Pfff, diesmal vom rechten Hinterreifen unseres Toyota, erklang. Was nun? Wir hatten keinen Ersatzreifen mehr! Die defekten Reifen auf den Nissan geladen, fuhren Gerd & Co los um eine Werkstätte zu finden. Der zurückgebliebenen Toyota Crew blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Wir banden uns Tücher um Mund und Nase, denn der Wind wehte uns Staub ins Gesicht und die 300m entfernte Asbestmine war für die Lungen auch nicht gerade das gesündeste, auch wenn der Wind aus entgegengesetzter Richtung wehte. Die Suchenden kamen ohne brauchbare Reifen zurück, dafür aber mit einem Lastwagen, der uns mitnehmen wollte. Nun war da aber ein Höhenunterschied von zwei Meter, den unser 2600 kg schwerer Toyota überwinden musste. Im Prinzip ganz einfach: es gab neben der Strasse eine zwei Meter hohe Böschung. Also stellte sich der Laster rückwärts an diese und man konnte fast eben auf die Ladefläche auffahren. Nachdem der Toyota mit Seilen fixiert war hatten wir eine gemütliche Fahrt mit Extraaussicht.
In Huatogou konnten wir bei einer alten Lagerhalle nach dem selben Prinzip entladen und die Reifen in einer Werkstätte reparieren lassen. Drei platte Reifen und zehn Stunden für 270 km! Was für ein Tag. Gemütlicher als erwartet logierten wir im Petrol Hotel und hatten auch noch gegen 11.00 das Glück eines ausgezeichneten Abendessens.
(TC)
Der 19. September Sonntags, der Tag des Tsaidam Beckens! Wir wussten, dass schlechte Strassen und über 600 km vor uns lagen, also fuhren wir um 07.30 los, für die Chinesen dieser Gegend eine nachtschlafende Zeit. Unser Führer empfahl die längere, aber anscheinend bessere nördliche Route. Gleich kamen die nicht endenden Baustellen: Runter vom Asphalt auf die Sandpiste, was nur mit Vierrad und im Schritttempo ging. Nach sieben Stunden hatten wir gerade mal 220 km geschafft und pro Mann ein Kilo Staub geschluckt, gegen Ende in einer überwältigender Landschaft mit aufgewölbten Gesteinsschichten. Dann kam „gute“ Strecke, eine ganz aus Salz gebaute Strasse: Man nehme Salzerde, walzt sie platt, besprengt sie mit Wasser und lässt das Ganze trocken. Bei der extremen Wüstenluft wird der Belag hart wie Beton. Nach weiteren zwei Stunden durch eine absolut tote Salzwüste wieder eine Baustelle: Reparatur der Trasse mit Wasser, und bis das getrocknet ist, darf natürlich keiner drauf. Bis auf einen Lastwagen vor uns waren wir sowieso als Einzige unterwegs. Der kannte anscheinend eine Umleitung und bog in die bizarre Landschaft ein, wir hinterher. Bald war es allerdings nur noch seine Spur, die führte uns aber bald auf eine Piste, der wir folgten. Nach einer Stunde verlor sich die Piste und ein großer Salzsee (Xi Taijnar Hu) tauchte vor uns auf, wir waren im toten Herzen des Tsaidam Beckens gelandet. Überraschenderweise wurde aber am Seeufer riesige Fabrikhallen von Hunderten Arbeitern aufgebaut, ein Kanal vom See war schon gegraben. Ein Ingenieur zeigte uns zwar die richtige Route nach Golmud, aber lehnte jede Erklärung zu dieser Fabrik ab (unsere Vermutungen schwankten zwischen Atomversuchsstelle und Wunderwaffenproduktion)! Was nun folgte, war ein Traum: Genau diagonal durch das Becken fuhren wir durch eine phantastisch-einmalige Landschaft, mal Mond, mal Mars oder Jupiter. Die sehr gute Strasse war weder öffentlich noch in einer Karte verzeichnet. Um 22.00 schließlich, nach 14,5 Stunden ununterbrochener Fahrt, erreichten wir Golmud, das Hotel erschien uns wie ein Paradies.
(G&BA)
Nach einem typisch chinesischen Frühstück mit Reissuppe, kalten Dampfnudeln, Knorpelfleisch und eingelegtem Gemüse, machten wir uns am 20. September bei herrlichem Wetter auf den 780 km langen Weg nach Xining. Zu unserer Freude stimmten auch endlich mal die Aussagen über den Straßenzustand mit der Realität überein, diese waren nämlich sehr gut. Eine Wohltat für unsere Dürregebiet geplagten Augen war dann das Einsetzen einer, den Namen verdienenden Vegetationsdecke, nach ungefähr 200 Kilometern. So durchquerten wir zuerst die Oase am Tsaidam Fluss. Dort wurde chinesisch-ordentlich Weizen, Raps und Gerste angebaut, welche zu Hauff in Garben auf den von Baumreihen getrennten Feldern getrocknet wurden. Von 2600 m ging es dann bergauf in das tibetische Weideland, im Süden von Vier- bis Sechstausendern flankiert und an Yakherden vorbei bis auf 3817m Höhe! Zuvor hatten wir noch einen mutigen schwäbischen Landsmann auf seinem „Drahtesel“ angetroffen, der auf dem Weg von Lhasa nach Bangkok war.
Von unserer bisherigen Rekordhöhe ging’s dann hinab zum auf 3200 m gelegenen Qinghai See. Am See entlang fuhren wir an zahlreichen tibetischen Gebetsfahnenbänder vorbei, ohne eins der suizidfreudigen Schafe mit unserem Kuhfänger zu liquidieren, ins Tal des Huang shui (Fluß). Dieses wieder durch prächtigste chinesische Feldwirtschaft gezeichnete Tal brachte uns in einer 100 kilometrigen Bergabfahrt auf einem vierspurigen Expresshighway durch mehrere Tunnels ( die Allerersten auf unserer Reise, bis auf den Autobahntunnel Leonberg bei Stuttgart!!) von 3600 m in ein etwas versmogtes Xining auf 2300 m Höhe hinab. In 27 Tagen haben wir nun 13700 km zurückgelegt! Ein paar Mal nachfragen und wir hatten unser Hotel gefunden, in dem ein tibetischer Frauenkongress tagte. Nachdem Gerd noch die harte Aufgabe übernahm, beim „Waschenlassen“ der Autos zuzuschauen, hatten wir dann unsere Abendruhe verdient.
(TC)