Bericht vom 11.09.2004



Almaty, 11. September 2004

Nach  9800 km haben wir mit der Ankunft in Almaty den ersten Abschnitt unserer Reise, die Anfahrt nach China über Polen, die baltischen Staaten, Russland und Kasachstan geschafft! Die Fahrzeuge haben schon ziemlich gelitten, besonders der Firma Nissan sei gesagt, dass sie mit dem Terrano II KEIN geländegängiges Fahrzeug produziert haben. Hier im Hotel Arman sitzen wir in komfortabler, wenngleich etwas angestaubter Atmosphäre am Stadtrand und ruhen uns einen Tag aus, bevor unsere Chinarundfahrt beginnt. Aber der Reihe nach!

Wir verließen das Sanatorium in Öskemen am 5. September  gegen Mittag und fuhren, mit Mischa von ECOSYSTEMS als Führer, Richtung Osten in den kasachischen Altaj. Schnell wurden die Bergen höher und man war sich sicher, dass man in einem Gebirge ist. Die Landschaft war sehr farbenfroh. Gelb-, Rot-, Orange- und verschiedene Brauntöne links und rechts der Strasse erfreuten unsere Augen. Wir kamen gut vorwärts und erreichten schon bald die Fähre über den Stausee. Die Fähre bestand eigentlich aus zwei Schiffen: ein großes, das wie eine abgeplattete Konservendose aussah und ein schäbiger „Tucker-Tucker-Kahn“, der die Konservendose vor sich her schob. Am anderen Ufer angekommen wurde die Konservendose einfach auf den Kiesstrand aufgeschoben und weiter ging die Autofahrt, nur unterbrochen durch einen spitzen Stein, der einen Reifen total schaffte.

Wir fuhren durch eine große Talebene, in der wir nach rechts auf eine staubige Feldstrasse abbogen und so zu einem am Talrand liegenden kleinen Gehöft kamen. Dieser kleine Hof, Majmyr genannt, sollte unsere Unterkunft für die nächsten zwei Nächte sein. Zum Schlafen konnten wir zwischen Bauwagen und Jurte wählen, welche beide sehr nett hergerichtet waren.

Während Bärbel und Gerd den luxuriöseren Bauwagen wählten – einschließlich dem berühmten Brett/Hänge-Matratzen/Stahlfederkomfort, bei dem du maximal eine Stunde ohne Aufwachen aushalten kannst – , kehrten wir in die gemütliche Jurte ein. Zur Entspannung ging’s dann erst mal in die hauseigene Blockhaus-Sauna mit anschließender Bergbachabkühlung. Nachdem uns unsere freundliche Gastwirtin Tatjana ein köstliches Mahl serviert hatte, beugten wir uns den russisch-kasachischen Gewohnheiten und kippten noch eineinhalb Liter Wodka und zahlreiche Bier (vor allem Clemens und  Moritz soffen bis 6 Uhr!!) und begaben uns danach in unsere Kojen.

(TC)

Den nächsten Morgen hatten Bärbel und ich ganz für uns: Tatjana begleitete uns zu einem hübschen Wasserfall, aber was sie uns unterwegs über Heilpflanzen erzählte, war ein glattes Oberseminar: Unglaublich, welche Traditionen dort im Altaj noch lebendig sind – das würde sicher eine Extrareise lohnen! Mittags kam der Rest der Mannschaft langsam in die Gänge und wir beschlossen einen kleinen Ausritt in die Berge, ohne Bärbel, die behauptet, ihre Pferdejahre hinter sich zu haben, aber mit Tatjana als kundiger Führerin. Mein Gaul stöhnte aber so unter meinem Gewicht, dass ich nach einer Stunde bergauf mit Clemens den Rückweg antrat. Um 18.30 waren wir zurück im Camp und ruhten uns erst einmal aus. Ja und dann begann das große Warten, es wurde dunkel, dann schlug das Warten in Sorge um. Ein Nachbar wurde mit dem Pferd in die Nacht geschickt, er kam unverrichteter Dinge gegen 22.00 zurück. Ich fuhr also mit dem Wagen los, mit viel Geblinke am Berg entlang auf  einer möglichen Rückkehrroute, ohne was von den Vermissten zu sehen. Zurück im Lager gegen 23.00 waren zwar keine Pferde da, aber Moritz und Ueli, ziemlich zerkratzt und blutig!

(GA)

Tja, jetzt wollt ihr sicher wissen, wie es dazu kam. Ueli und ich hatten also noch nicht genug vom Reiten und beschlossen, geführt von unserer ortskundigen Tatjana, ein bißchen weiter hinauf zu reiten und so eine bessere Aussicht zu erhalten. Eine perfekte Aussicht bekamen wir dann auch geboten, welche Gletscher, verschneite Berggipfel und Täler in großem Umkreis umfasste. Da unsere Waden langsam von den Nähten unserer Sättel aufgerieben wurden, kam uns die anscheinend kurze Laufstrecke (die Pferde am Zügel) durch ein steiles Waldstück ganz gelegen. Nach etwa einer dreiviertel Stunde Marsch wunderten wir uns aber langsam, wo uns dieser nicht zu erkennende Weg hinführen sollte. Außer das es immer später, respektive dunkler und der Hang immer steiler wurde, schienen wir uns auf der Stelle zu bewegen. Treu begleitet von unseren zwei Begleithunden ging’s aber immer weiter durch das dichteste Gestrüpp ohne erkennbares Ziel. Als es fast dunkel war, gab es zwar einen Weg in Sichtweite, der war aber für die Pferde unerreichbar. So saßen wir bei kompletter Dunkelheit und starkem, kalten Wind auf einem Bergkamm fest, wo es weder vor noch zurück ging. Da unsere Begleiterin zu diesem Zeitpunkt schon zu verzweifelt war, einen klaren Gedanken zu fassen, beschlossen Ueli und ich uns ohne Pferde ins Tal durchzuschlagen. Tatjana wollte unbedingt bei den Pferden bleiben. Wir kämpften uns also über ein von Dornen bewachsenes Geröllfeld zurück zum Hof. Nach einstündigem Blindflug kamen wir dann total ausgepowert, aber zum Glück vom bösen Wolf verschont in Majmyr an und konnten der Suche ein Ziel geben. Der zu Hilfe geholte Nachbar, der sich als Ranger entpuppte, trieb sogleich sein Pferd in der düstersten Nacht über irgendwelche versteckten Wege auf den Bergkamm. So wurde uns gleich noch gezeigt, daß in dieser Gegend nicht die Technik (Autos, Scheinwerfer, usw.) sondern die absolute Beherrschung von Tier und Umgebung in solchen Situationen entscheidend ist.

So gab es wie immer ein Happy-End und sogar noch ein Abendessen von der leicht zerzausten Tatjana.

(MA)

Wie schon am Vortag bereitete uns Tatjana ein wunderbares Frühstück. Danach packten wir unsere Sachen und machten die Autos parat zur Abfahrt. Zum Abschied gab uns Tatjana noch einen Blumenstrauß, natürlich Blumen vom eigenen Garten.

Nun fuhren wir auf der anderen Seite der Talebene weiter Richtung Osten. Zum X-ten Male mussten wir für eine „permission“ bezahlen und einen Zusatzführer mitnehmen, der, kaum eingestiegen, sogleich ins Reich der Träume entschwand. Man muss jedoch bemerken, dass er kurz vor jeder Kreuzung seine Augen wieder öffnete und den Weg wies.  Die Strecke war wunderbar, was man von der Strasse selbst nicht behaupten darf. Wir fuhren einen Bergfluss entlang, der ein wunderbares „braided-Muster“ (die Geographen und Gewässerinteressierten wissen schon, was wir meinen) aufwies und türkisfarbenes Wasser führte. Auf der anderen Seite verblüffte die Landschaft mit vielfältigen Granitformationen.

(UM)

Nach einer guten Stunde Fahrt gelangten wir an eine Grabung von kasachischen Archäologen aus Almaty, welche gerade dabei waren, 2500 Jahre alte sakische Häuptlingsgräber zu öffnen. Das Interessante – neben den perfekt im Frostzustand erhaltenen Toten mit allen Beigaben – an diesen mit Steinhaufen überwölbten Holzkammergräbern war die Konstruktion: Durch geschickte Auswahl und Schichtung von Erden und Steinen wurde eine Art künstlicher Permafrost im Bereich der Grabkammer erzeugt, der in dieser Gegend und Höhe, 1400 m ü.NN, seit der Eiszeit nicht mehr vorkommt. Leider war die Verständigung mit den „Archäologen“ nur über unseren Führer Mischa möglich, der Grabungschef befand sich in der Hauptstadt...

(GA)

Danach mussten wir ein Stück den Fluss entlang zurück bis wir eine Hängebrücke erreichten. Auch diese strahlte natürlich nicht mehr in ihrem ursprünglichen Glanz. Nachdem der Führer seine Bedenken punkto Autobreite und Gewicht ausgesprochen hatte, fuhren wir drüber. Alles kein Problem! Die Brücke bestand aus etlichen fast armdicken Stahlseilen, Stahlträgern und aus Holz. Nach weiteren 50 Kilometer verabschiedeten wir uns von unserem Führer...Gute Nacht...

Dann ging’s an die Passfahrt zum Markaköl (köl = See). Aber nicht etwa auf einer Strasse wie in den Alpen... dieser Saumweg für Autos, so muss man ihn nennen, wurde von österreichischen Kriegsgefangenen erstellt. Noch zu erkennen ist dies auf dem ersten Bergsattel, wo die „Strasse“ auf einem Damm errichtet wurde. Kies, Schotter, Wasser, Schlamm, Furten, Brücken und bergiges Gelände forderten alles von den Fahrzeugen. Schon nur der Landschaft wegen lohnte sich diese Passfahrt auf jeden Fall. Der Kasachische Altaj zeigte sich uns von seiner schönen Seite.

Wir benötigten dreieinhalb Stunden für diese 60 km! Am See angekommen waren wir jedoch sehr verblüfft, als da ein nicht sehr attraktives Dorf am Seeufer stand. Und nicht die erwartete und teilweise versprochene Wildnis des Nationalparks. Überall, wo man hinging, grasten Kühe – dementsprechend sah’s auf dem Boden aus... auch im Altaj gibt’s „Alpenpizza“.  Der Weg zum sumpfigen, flachen Seeufer führte durch den üblichen kasachischen (Wodkaflaschen-) Müllplatz. Auch die ziemlich verwahrloste Unterkunft in einem heruntergekommenen Ziegelbau entsprach nicht dem Erwarteten und Beschriebenen. Man konnte auch eine plastiküberzogene, zwischen zwei Häusern eingeklemmte Jurte wählen. Für Verblüffung sorgte auch das Bild von einem Ausländer mit einem gerade geschossenen Maral (fast ausgestorbene, streng geschützte Hirschart) in diesem Basiscamp der Firma ECOSYSTEMS, nicht weit entfernt von einem Schild des WWF: Steht bei ECOSYSTEMS nun das Eco für Ecology oder doch wohl eher für Economy? Die Stimmung schlug in Unmut um. Die ausgesprochen gute Sauna am Abend konnte dann trotz der Hitze die Gemüter etwas dämpfen, aber der Entschluss einer Abreise am nächsten Tag stand fest. Zum Abendessen gab’s selbstgekochte rote Bohnen mit Speck, was allen sehr geschmeckt hat. Bärbel und Gerd nächtigten im Haus und wir Jungs schliefen unter der Veranda des Nachbarhauses, das uns als Museum bezeichnet wurde..

Nach einem Spaziergang am Morgen entlang dem schönen See ging’s dieselbe Holperstrecke zurück, diesmal mit einigem Schaden für die Fahrzeuge: Auspuff ab beim Toyota, Dachreling aus dem Dach herausgeschüttelt beim Nissan: Die Reling ist nicht etwa mit dem Rahmen des Autos verbunden, sondern nur mit einem Schräubchen am Dachblech festgemacht.

Großes Hallo bei unserer erneuten Ankunft bei Tatjana in Majmyr, natürlich gutes Essen und eine saukalte Nacht mit herrlichem Sternenhimmel, morgens gab’s Eis an unserem Freiluftwaschplatz. Am nächsten Tag, Donnerstag den 9. September, weiter nach Öskemen über die scheußliche (Straßenzustand, nicht Natur!) Nordstrecke, wo nach Anfangsschwierigkeiten schließlich Dachreling, Auspuff und Reifen repariert werden – für fast kein Geld. Essen in einem guten Fast Food, irgendwie haben wir Mischa nicht dazu gekriegt, uns die kasachische Küche nahezubringen. Übernachten – ganz ohne Schönheits-Königinnen (von denen eine übrigens die Tochter unseres Dachreling-Schraubers war, die Jungens waren dem schon bekannt!) – wieder im Sanatorium.

Leider zeigt sich am nächsten Morgen bei dem Nissan eine auf die Vorderachse eingeknickte Wagenhälfte, die Stoßdämpfer/Querlenker oder sonst was, das den Motorteil oben hält, ist beschädigt. Das wird erst in China, wenn überhaupt, zu reparieren sein. Entschädigt werden wir nach 8 Stunden Fahrt in Lepsinsk, wo wir endlich, in ländlicher Umgebung vor großartiger Bergkulisse, das Kasachstan bekommen, welches wir uns vorgestellt hatten: Bei einer tartarischen Gastfamilie. Ganz sauberer muselmanisch Haushalt, Betten und Bettzeug makellos, prima Essen, und eine freundliche Flora als Hausfrau, ihr Mann Richat ein kompetenter Führer zu den Kurganen er Gegend, und der 82-jährige Großvater Ahmet, der in noch immer respektablen Deutsch über den Unsinn des Zweiten Weltkrieges und seinen Aufenthalt in Deutschland in den vierziger Jahren erzählt. Sonst ging die Unterhaltung hier erstmals in Türkisch, Tartarisch scheint damit eher verwandt zu sein als das Kasachische. Ein Wermutstropfen war allerdings wieder die Abzockerei der Behörden, 40 Euro Korruptionsgeld für die polizeiliche Anmeldung, nachdem sowieso offiziell 10 Euro pro Person für die Erlaubnis zum Aufenthalt nahe der chinesischen Grenze bezahlt werden mussten. Trotzdem ist dieses Lepsinsk, das laut Frau Schreiber von Alfred Brehm besucht und von ihm als Land, „wo Milch und Honig fließen“, beschrieben wurde, ein Geheimtipp. Wir sahen eine Stele des Tamerlan mit seinem Grenzzeichen (wohl ein Wegstein mit Entfernungsangabe), dazu ein türkisches Grabmal, ein Bärtiger mit (Wein - ?) Becher in der Hand und Schwert im Gürtel. Dazu ist dies der Platz, wo die bösen Dunganen von den tapferen Kasachen entgültig aus dem Land getrieben wurden und die Russen denselben Kasachen ein paar Dutzend Jahre später das ganze Land mit einem Vertrag quasi abgeluchst haben – aber da war im 19. Jahrhundert, die Russen sind heute fast alle weg und die Tartaren leben mit ihren kasachischen Glaubensbrüdern in guter Gemeinschaft.

Heute gab’s rechts der Straße, auf dem Weg nach Almaty, noch eine Ausgrabung einer alten türkischen Hauptstadt namens Kayalyk aus dem 8. bis  14. Jahrhundert zu sehen und dazu gute allgemein-archäologischen Infos vom Kandidaten Boris Zheleznyakov.

Letzte Meldung am 12. September: Eva Schumm ist mit Tagezeitung und Schokolade gestern nacht gut auf dem Flughafen von Almaty angekommen. Jetzt ist die Truppe vollständig! Wetter herrlich und 32° im Schatten, was uns beim Besichtigen des riesenhaften alten Eisstadiums ins Schwitzen brachte.


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