Bericht vom 29.10.2004



Odessa, 29. Oktober 2004

Bei schlechtem Wetter hieß es am 25. Oktober warten auf den geflickten Kühler. Ein paar Einkäufe, unter anderem Kaviar und geräucherter Stör aus der Astrachan Fisch Faktorei (originaler – und billiger für die Qualität - geht’s nicht!), wurden noch erledigt und um 17.00 gab’s endlich grünes Licht zum Weiterfahren. Wir mussten einen Haufen Geld für die Reparatur bezahlen, zu viele Mittelsmänner, aber es ist wohl gut gemacht. Durch die Nacht ging’s flott auf guten Straßen – Ausnahme Ortsdurchfahrt Volgograd – Richtung Rostov und dann weiter in dicker Nebelsuppe nach Taganrog, wo wir um 14.00 eintrafen. Auf halbem Weg zwischen Rostov und Taganrog war die Besichtigung der alten griechischen Handelsfestung Tanais ein Muss: Da hat man wohl lauter Keller ausgegraben, in denen die Waren gestapelt wurden, die ganze Anlage war extrem befestigt. Interessant waren hier Grabstelen einer türkischen Gruppe aus dem 12. Jhdt., die nicht nur Männer sondern auch halbnackte Frauen mit Bechern oder Gefäßen in der Hand zeigen – der späteste Typ dieser Grabsitte, danach kam der Islam.

Sascha hatte zwar Zimmer für uns im Stadthotel bestellt (teuer für die Qualität!) und die Stadt Taganrog schickte uns Alexander und Olga vom Amt für Auswärtige Beziehungen, die sich rührend um uns kümmerten. Von unseren Gästen in Badenweiler und ihren Versprechungen war aber nichts zu sehen, auch hatte Badenweiler unsere Ankunft nicht avisiert („Sie reisen dann als Beauftragte der Stadt Badenweiler nach Taganrog...“). Durch unsere beiden Führer hat sich der Besuch aber doch gelohnt, Tschechow Gedenkstätten und der besonders empfehlenswerte Palast eines griechischen Geschäftsmanns aus dem 19. Jhdt. mit archäologischen Exponaten, dann ein gutes Fischessen zum Abend am grauen Schwarzen Meer...

Am 27. Oktober wurde das Wetter immer besser und bei der Ankunft auf der Krim war herrlicher Sonnenschein und 24° C! Nach 26.430 km fanden wir direkt am Hafen von Jalta für 25 $ ein Appartement und nach einem ausgedehnten Bummel über die Strandpromenade gab’s perfektes türkisches Essen mit gutem Moldawischen Wein.

Die Krim ist im Südwestteil ein herrliches Fleckchen Erde, eine wunderbare Steilküste, dicht bewaldet mit alten Pinienwäldern. Leben ist für unseren Geldbeutel sehr billig hier und wenn die im ganzen alten Russland üblichen Verfallserscheinungen nicht so ins Auge fallen würden, wäre es sicher ein Ferienparadies für Westler. Wir fuhren am 28. eine Kurvenstrecke durch Pinien- und dann Buchenwälder über das Kalkgebirge nach Bahçesaray, wo ein schöner türkischer, Krim – tatarischer Palast mit allem Drum und Dran zu besichtigen war. Am Nachmittag mussten wir die Krim leider schon wieder verlassen, der „verlorene“ Tag von Astrachan musste eingeholt werden, und waren am Abend nach 600 km in Odessa. Unser Hotel „Passage“ ist ein Traum für Nostalgiker, man könnte Romane über das frühe 20. Jhdt. in unserem Zimmer schreiben und hätte das Ambiente als Vorlage komplett um sich herum! Natürlich entsprechend abgenutzt, irgendwie fehlte das Geld für notwendige Verbesserungen.

Heute ein Tag in Odessa: Zuerst das bisher beste Internet Cafe mit schnellen Maschinen, dann durch die bezaubernde Altstadt voller Dekadenz, nur wenig ist oder wird restauriert. Die berühmte Treppe enttäuscht, von oben erkennt man sie nicht als Treppe, von unten sind zuviel Hafen, Bahngleise und Strassen davorgebaut. Aber der Rest ist mehr als sehenswert, Stadt und Leute wirken kaum östlich, sondern mitteleuropäisch. Nur die allgegenwärtigen jungen Herren in den schwarzen Anzügen zeigen die engen Verbindungen zur neuen (Unterwelt-) Klasse des alten Russenreiches.

Ein Wort zu solchen Vertretern der EU, die mit einen Beitritt der Ukraine liebäugeln: Man soll sie nicht auf offizielle Besuche schicken sondern in Privatautos stecken und kreuz und quer durchs Land fahren lassen, dann werden sie über den Zustand des Staates besser Bescheid wissen: Enormer Verfall und Misswirtschaft, neuer Reichtum für wenige Kriegsgewinnler, Korruption des Staates – und das in scharfem negativen Kontrast zu den Verhältnissen in der Russischen Föderation, wo es zum Teil sichtlich aufwärts geht.

(GA)

Dies ist der letzte Tagebucheintrag, den wir von unterwegs abschicken. Über die verbleibenden Reisetage wird von zu Hause berichtet werden, zusammen mit einem Resümee unserer Reise.

Vielen Dank an Alle, die uns beim Lesen der Berichte die Daumen gedrückt haben!



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