
Khotan, 11. Oktober 2004
Der 9. Oktober: Vom Staub und Sand in der Luft ist das Wetter dunstig und es weht ein ziemlicher Ostwind, nicht die besten Voraussetzungen für die Durchquerung der Taklamakan von Nord nach Süd. Die Anfahrt zur Wüste ging durch den hier fast 140 km breiten Vegetationsstreifen entlang dem Tarim, einem auch jetzt im Herbst ganz ansehnlicher Fluss. Fasziniert waren wir von den alten Pappelwäldern: Diese Pappeln schieben weidenblattähnliche schmale Blätter, die sich dann in breite typische Pappelblätter verändern zwei Blattformen am selben Ast! 40 km hinter dem Tarim tauchte dann das Meer der Sanddünen auf: 430 km nichts als Welle auf Welle einer ungeheuer weiten Sandwüste. Die Anstrengungen der Chinesen beim Bau und zum Unterhalt der Strasse sind erheblich. Um die Trasse vor Sandeinwehungen zu schützen, haben sie entlang der ganzen Route Tröpfelbewässerung verlegt und einen im Osten der Strasse 60 m, im Westen 30 m breiten Streifen bepflanzt. Sie sind mit dem Pflanzen bei den „letzten“ 150 km. Mitten drin in der Taklamakan tauchen plötzlich Bohrtürme und Ölpumpwerke auf, die Wüste ist durchzogen mit Spuren der riesigen Prospektionsfahrzeugen, wie sie auch die Arktis verschandeln big business! Kurz danach plötzlich ein paar Bäume auf selbstgebauten „Humushügelbiotopen“, keine Ahnung, warum es hier mit dem Wasser besser ist als anderswo. Der Wind wehte immer kräftiger und am Ende der Strecke hatten wir fast ein wenig Sandsturm-feeling. Von unserem Etappenziel Minfeng lässt sich gar nichts Besonderes oder Gutes sagen, nur dass die Oase langsam von Norden her mit Sand zugeschüttet wird es werden ihr wohl nicht viele Tränen nachgeweint werden...
Am 10. Oktober ging’s die Südroute der Seidenstrasse entlang über Keriya (Yutian) nach Khotan (Hotian). Spätestens in Keriya ist man in Ostturkestan angekommen, Chinesen sind selten und das Leben ganz zentralasiatisch: Brot und Kebabstände säumen die Strassen, wilde bärtige Gestalten mit Atatürk-Fellmützen lenken Mini-Eselskarren mit jeder Art Ladung über die Strassen. Es ist Sonntag und wir haben das Glück, noch rechtzeitig in Khotan einzutreffen: Markttag! Die Atmosphäre kann man mit Afghanistan vor 30 Jahren vergleichen, nur ist alles lauter, aufgeregter, geschäftiger; dazu viele unverschleierte Frauen. Es sind auf diesem Markt wohl an die tausend Stände und zehn- oder zwanzigtausend Besucher.
Schon gestern haben wir im Flussbett des Yurungkax nach der berühmten weißen Jade gesucht ganz vergeblich. Heute haben wir auf dem Gelände der alten Hauptstadt von Khotan, dem 20 km südlich des heutigen Zentrums auf einer Hochterrasse des Flusses gelegenen Malikurwatur, mehr Glück: Gleich vier Stücke finden wir neben anderen schönen Steinen in den Flussschottern, wenn auch vom Wüstensand etwas „windgeschliffen“.
Nach einem kurzen Zwischenstop bei einem 700 Jahre altem Walnussbaum, bei dem auf einer Tafel beschrieben ist, dass Walnüsse in Turkestan damals unbekannt waren und erst um 1300 AD aus Zentralchina eingeführt worden sind, stand eine Seidenfabrik auf dem Programm: Welche Einblicke in die frühe Industrialisierung! Die Hallen ohne Klimaanlagen, Geruchsfilter oder Lärmschutz! Die Hunderte junger Frauen alt wird man bei diesem Job sicher nicht ohne Ohrstöpsel oder Ähnliches (sie würden sonst nicht hören, wenn eine Maschine nicht rund laufen würde, erklärt jemand vom Management) bei einem Höllenlärm von hundert Webmaschinen oder dem Verwesungsgestank der Seidenraupen beim Abhaspeln der Fäden, die Hände ganze 8 Stunden der Schicht in warmem Wasser: Verdienst je nach Akkordleistung zwischen 100 und 200 Euro im Monat. Wir nutzen das günstige Angebot im Fabrikshop und decken uns mit Seidenschals ein...
Zum Abschluss des Tages gehe ich noch auf die Suche nach den berühmten Khotan-Teppichen, erst im Basar, dann in Häusern auf den Dörfern der Oase. Fazit: Die noch in Khotan verbliebenen Teppiche der letzten hundert Jahre (ein mit 1342 datiertes Stück habe ich gefunden, danach konnte man den Rest einigermaßen abschätzen) sind sehr grob, sehr schlecht gefärbt, die Wolle ziemlich brüchig das mag am extremen Klima liegen. So viele völlig abgetretene und entfärbte Stücke habe ich mein Lebtag noch nicht auf einem Haufen gesehen! Übrigens sollen Pakistanis in den letzten Jahren die meisten alten Stücke aufgekauft haben (ob sie die dann in Islamabad wieder „auffrischen“? Bei Khotanware sollte man wohl auf mögliche Färbungen mit Permanent-Markern achten!). Erst Stücke der letzten fünfzig Jahre besitzen noch Flor, es werden aber auch schon neue Stücke durch Farbwahl etc. auf alt getrimmt. Preise sind sehr niedrig Stücke, die in letzter Zeit in Basel für 30.000 Franken den Besitzer gewechselt haben, werden hier vor ein paar Jahren für 300 $ gekauft worden sein.
(GA)