
Lanzhou, 30. September 2004
Bis zum Morgen des 28. September haben wir nichts vom ADAC gehört: Wir hatten von Urumqi und Korla aus über Email, Telephon und SMS um die Lieferung von neuen Bremsklötzen nach Xian in unser Hotel gebeten (die Bremsklötze gibt’s in China nicht! Siehe TB 9), die einzige Reaktion war in Korla eine SMS des ADAC, wir sollten uns an den chinesischen Automobilclub wenden. Wie der ADAC damit Reklame machen kann, dass er sich im Rahmen des Schutzbriefes weltweit um die Versendung von Ersatzteilen kümmert, wenn dies überhaupt nicht zutrifft, das weis nur er selbst! Keine Hilfe also, wir müssen die Daumen drücken und möglichst wenig bremsen. Der Club ist halt eher für die Badewassertemperatur in der Adria und Kreuzfahrten zuständig als für automobilistische Hilfen....
In unserer Werkstatt in Xian wurde das Chassis des Terrano mit zwei Schrauben wieder angehoben und nach einem Abschiedsphoto mit Garagenbesitzer und uns Chinafahrern (damit wollen sie Werbung machen!?) ging’s auf die erste Etappe des Rückwegs. Bei dunstigem Wetter war bald am späten Nachmittag Tianshui erreicht, eine quirlige, aufstrebende Stadt, die mit der Beschreibung im Reiseführer wenig zu tun hat. Erstklassiges und dazu sehr billiges Essen (für 7 Pers. mit viel Bier zusammen 10 $) in einem der vielen gepflegten Restaurants, guter Internet-Service im Hotel und dort sogar am Abend noch eine Einladung zum Betriebsfest mit Karaoke bei den 80% jungen weiblichen Angestellten war da für die Jungs einiges zu tun und Ueli holte als mutiger Tänzer Punkte für die Schweiz.
Für den nächsten Tag hatten wir uns zwei Taxis bestellt, um die Landschaft und die Grotten von Meijishan zu besuchen und den Fahrzeugen einen weiteren Tag Ruhe zu gönnen. Nebel und Wolken verwandelten die schroffe, dicht bewaldete Bergwelt in chinesische Tuschzeichnungen. Eine dreistündige Wanderung an taoistischen Tempelchen vorbei zu einem nadelförmigen Basaltgipfel, dicht mit alten Kiefern bestanden, war endlich mal eine sportliche Übung. Die folgenden buddhistischen Grotten in einer steilen Felswand, dominiert von zwei riesigen Buddhas mit je zwei Boddhisatvas, gehören sicher zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Chinas! Das wissen die wohl vor Ort und nehmen gepfefferte Eintrittspreise. Unter den Hunderten Besucher waren aber interessanterweise keine weiteren Ausländer.
Heute ging’s flott auf sehr guten Strassen in nur dreieinhalb Stunden bis Lanzhou, eine Strecke von über 300 km. Die Nacht hatte es durchgeregnet und es ist empfindlich kalt geworden mit starkem Nordwestwind. In den Lösshöhen auf halber Strecke fing es sogar an zu schneien bei nur 1° C! Die Jungs sind Shopping und wir werden jetzt auch einen kleinen Stadtbummel machen.
(GA)
Einige allgemeine Infos zu China, besonders für diejenigen, die mit dem Wagen unterwegs sind:
Es gibt viele Regeln und Verbote, an die sich aber kaum jemand hält. Zum Beispiel fahren auf den Expressways (Autobahnen) meist alle links, rechts wird überholt. Es gibt jede Menge Schilder, die versuchen das zu ändern. Wenden und gegen die Fahrtrichtung fahren sind an der Tagesordnung. Durchgezogene Linien sind ohne jede Bedeutung. Alles haben wir schon auf der Strasse gesehen: Reparaturen von quer auf der Autobahn stehenden Lastern in Kurven, Fahrrad im Tunnel auf der Fahrbahn abgestellt, Parken in der Mitte der Landstrasse (Plastikzelt daneben aufgebaut, man hat sich eingerichtet!), Pinkeln, Obstverkauf, Tiere je nach Gegend nur einen Beischlaf konnten wir noch nicht beobachten, wahrscheinlich wegen der strengen Anti-Porno-Gesetze. Bei roten Ampeln gibt es unergründliche Sonderregelungen, manchmal muss man sie respektieren, manchmal gibt es ein Hupkonzert, wenn man stoppt. Lanzhou hat übrigens in punkto Verkehrschaos den ersten Preis gewonnen!
Überhaupt ist die Hupe das wichtigste Teil am Auto. Jeder drängelt, der stärkere gewinnt. Rücksichtslos wird jede Lücke gefüllt, auch auf der Gegenfahrbahn, ganz kambodschanische Verhältnisse nur sind sie in Phnom Penh wesentlich weniger aggressiv. Die Disziplinlosigkeit ist ungeheuerlich, für uns war das überraschend. Die Polizei, fast nie präsent, greift wenn überhaupt nur halbherzig ein.
Apropos Polizei: Da sehen bald 10 % der Fahrzeuge aus wie Polizeiwagen mit Blaulicht etc., aber meist sind es andere Dienste oder sogar Privatfahrzeuge. Auch eine Uniform sagt nichts.
Entsprechend dem chaotischen Verkehr gibt es äußerst viele Unfälle. In Xian hatten wir beim Überqueren einer Kreuzung gleich drei verschiedene Unfälle links und rechts von uns!
In China gibt es keine jährliche Kfz-Steuer. Der Staat und die Kommunen bedienen sich über Straßengebühren. Das ist manchmal grotesk, man fährt über einen Feldweg in ein Städtchen ein, zahlt etwa einen $ an einer überdimensionierten Zahlstelle, nach einem Kilometer kommt die nächste große Zahlstelle und man wird wieder zur Kasse gebeten.
Es gibt phantastische neue Strassen, die aber leider sehr abrupt entweder in einer Baustelle enden oder in einer kaiserlichen Landstrasse (Straßenzustand um 1900 AD).
Als Beispiel für die Abzockerei hier der Besuch der Grotten von Maijishan: Zuerst weit vor den Grotten eine Sperre, an de wir einen Voreintritt, eine persönliche Versicherung und eine Autogebühr zahlen mussten. Dann zwei Kilometer weiter ein Parkplatz, wo Parkgebühren fällig wurde. Zu Fuß ein paar hundert Meter weiter und es kam ein Kassenhäuschen, wo der Eintritt für die Grotten erhoben wurde. Wenn man nun noch, was eigentlich selbstverständlich ist, in eine Grotte hinein wollte, wurde nochmals ein zusätzlicher Eintritt fällig. Der ganze Spaß hat pro Person (nicht nur für Ausländer!) für diese eine Stelle 13 $ pro Person gekostet!
Eine chinesische Eigenart ist das „Verschönern“ von historischen Plätzen. In einer Art Gigantomanie werden ungeheuere Betonklötze im neuchinesischen Stil vor und auf Grabmäler gesetzt, auch beim Restaurieren weiß man ne, was Original und Nachahmung ist. Eine positive Neuerung ist, dass Photographieren fast überall erlaubt ist!
Die Städte boomen wie verrückt, alles Alte wird oder ist schon abgerissen und wird durch Hochhäuser ersetzt. Die Hauptstrassen in den neuen Innenstädte sind penibel sauber, aber das alte China lässt sich ohne weiteres in den Nebengassen finden. Luft- und Umweltverschmutzung sind in den Ballungsgebieten für Europäer kaum vorstellbar. Toiletten, Bärbel’s Spezialgebiet, sind zu ihrem Leidwesen sehr viel besser geworden. Zu unserem Glück gilt das auch für die Hotels.
Der Gegensatz Stadt Land ist riesengroß. Es gibt viele Bettler, besonders verkrüppelte und kranke Kinder werden ausgestellt. Rauchen ist eine Sucht, der Alkohol ist ein Problem, dank SARS wird aber kaum noch gespuckt. Die früher bei jedermann üblichen Teeflaschen aus Glas sind ganz von Plastikflaschen mit gesüßtem Tee verdrängt worden.
Die Landwirtschaft ist, was die Ordnung betrifft, vorbildlich. Alles sieht wie ein super gepflegter Garten aus. Allerdings haben wir gestern noch den Einsatz von Spritzmitteln in einer erntereifen Apfelplantage beobachtet. Äpfel und Granatäpfel werden, damit sie schön bleiben, oft am Baum einzeln in Plastik- oder Papiersäckchen eingepackt. Die technische Ausrüstung ist allerdings meist nostalgisch einfach: Drei Frauen vor und ein Mann hinter dem Pflug sind keine Seltenheit.
Der Einfluss der islamischen Bevölkerungsteile, die angeblich nur eine 8 Millionen Minderheit sind, ist in den von uns besuchten Teilen sehr groß. Restaurants, Andenkenbuden, Märkte: Alles ist fest in Hui Hand. Auch die besten Anbauflächen gehören anscheinend den Hui.
Fazit: Es ist zwar ziemlich leicht und dazu günstig geworden, mit dem Auto durch China zu reisen, ohne auf Komfort verzichten zu müssen. Das alte China, das man im Kopf hat, findet man aber nur schwer und eher auf Nebenstrecken. Für Pauschaltouristen ist der Zug schon länger abgefahren.
(BA, GA & ES)